Wenn du schon einmal klassische Langlaufrennen verfolgt hast, ist dir vielleicht aufgefallen, dass die FIS eine Regel eingeführt hat, die Double Poling auf bestimmten Streckenabschnitten verbietet. Aber was genau ist Double Poling und warum wurde diese Einschränkung eingeführt? Wir klären das mit Hilfe der Sportmedizin

 

Double Poling

Double Poling (DP) ist eine Technik im klassischen Langlauf, bei der beide Arme gleichzeitig mit den Skistöcken abgestossen werden, begleitet von einer deutlichen Einbindung des Rumpfes und in der modernen Form auch der Beine. Anders als beim klassischen Diagonalstil gibt es keinen Wechsel von Arm und Bein, sondern eine synchrone Bewegung, bei der die Kraft aus dem Zusammenspiel von Schultern, Rückenmuskulatur, Bauchmuskeln und Hüftmuskulatur entsteht.

In den letzten 15 Jahren hat Double Poling vermutlich die bedeutendste Entwicklung im klassischen Langlauf erfahren: von einer Technik, die früher auf flache Strecken beschränkt war, hat sie sich zu einer dominanten Rennstrategie entwickelt. Dieser Wandel hängt eng mit der körperlichen Entwicklung der Eliteathleten zusammen, die neben einer extrem hohen Ausdauer auch deutlich mehr Kraft und Muskelpower aufgebaut haben, insbesondere im Oberkörper und Core.

Sprintwettkämpfe im Weltcup und bei Olympischen Spielen haben diesen „Power Shift“ begünstigt, während die Worldloppet-Rennen Double Poling endgültig als Haupttechnik etabliert haben. Diese Entwicklung hat nicht nur technisch-taktische Konsequenzen, sondern auch sportmedizinische Relevanz, da sie mit hohen Belastungen für das Muskel-Skelett-System und das Herz-Kreislauf-System einhergeht.

 

Neue FIS-Regeln

Die zunehmende Verbreitung von Double Poling hat die Internationale Ski-Föderation (FIS) dazu veranlasst, neue Regeln einzuführen, um die technische Vielfalt des klassischen Langlaufs zu erhalten. In den letzten Jahren wurden sogenannte No-DP-Zonen definiert, in denen Athleten verpflichtet sind, den Diagonalstil zu verwenden. Die Einhaltung wird visuell kontrolliert, Verstösse werden sanktioniert.

Ein weiterer zentraler Eingriff betrifft die Stocklänge: Seit 2016 dürfen die Skistöcke in klassischen Rennen maximal 83 % der Körpergrösse des Athleten (gemessen mit Skischuhen) betragen. Diese Massnahmen sollen ein Gleichgewicht zwischen den klassischen Techniken wiederherstellen, haben aber zugleich eine Diskussion über die Grenze zwischen natürlicher Leistungsentwicklung und notwendiger Reglementierung entfacht.

 

Was sagt die Sportmedizin?
Warum hat die FIS DP eingeschränkt? Die Studie von Stöggl et al. (2019) vergleicht exklusives Double Poling mit den traditionellen klassischen Techniken (Diagonalstil, CLASSIC) und untersucht die physiologischen und leistungsbezogenen Effekte.

Physiologisch zeigen die Ergebnisse, dass es keine relevanten Unterschiede zwischen den Techniken bei Herzfrequenz (HR), Sauerstoffaufnahme (VO₂) und Laktatkonzentration gibt. Das deutet darauf hin, dass bei vergleichbarer Intensität die Gesamtbelastung weitgehend gleich bleibt. Der einzige signifikante Unterschied betrifft das RPE (Rating of Perceived Exertion) der Arme: Double Poling wird als anstrengender fur die oberen Extremitäten wahrgenommen, wahrscheinlich wegen der höhen Kraft-Ausdauer-Belastung, während der Diagonalstil mehr Beine und Rumpf beansprucht.

Leistungsbezogen zeigen sich deutliche Unterschiede nach Geschlecht und Spezialisierungsgrad. Elite-Männer sind in allen Streckenabschnitten mit exklusivem Double Poling schneller, was zeigt, dass DP bei Athleten mit höher Oberkörperkraft eine sehr effektive Strategie ist. Bei Elite-Frauen hingegen wird die beste Leistung mit dem Diagonalstil erzielt, während ausschliessliches DP zu langsamerer Zeit führt.

Bei Elite-Männer ergibt sich ein durchschnittlicher Zeitgewinn von etwa 24 Sekunden durch Double Poling im Vergleich zu den traditionellen Techniken, ohne signifikanten Anstieg des Energieverbrauchs oder wichtiger physiologischer Parameter. Anders gesagt, DP ermöglicht hohere Geschwindigkeit bei gleichem metabolischen Aufwand und stellt fur Elite-Männer nicht nur eine effektive Technik, sondern einen echten Leistungsvorteil dar.

Fazit
Double Poling hat sich in den letzten Jahren als dominante Technik im klassischen Langlauf etabliert, besonders bei Elite-Männer, dank der Möglichkeit, die Geschwindigkeit ohne entsprechenden Anstieg des Energieaufwands zu steigern. Aus sportmedizinischer Sicht stellt DP eine intensive Belastung fur Arme und Rumpf dar, bleibt aber kardiovaskular und metabolisch effizient.

Gerade wegen seines leistungsbezogenen Vorteils hat die FIS beschlossen, die Nutzung auf bestimmten Streckenabschnitten einzuschränken und die Stocklange zu regulieren, um die Vielfalt der klassischen Technik zu bewahren.

Diese Entscheidung wirft interessante Fragen auf: Bis zu welchem Punkt ist es gerechtfertigt, die technische Entwicklung eines Sports zu regulieren? Bedeutet die Einschränkung von Double Poling den Schutz der Tradition oder die Behinderung der Entwicklung effektiverer Rennstrategien? Und wie kann ein Gleichgewicht zwischen technologischem Fortschritt, sportlicher Fairness und Schutz der Athleten gefunden werden? Fragen, die offen bleiben und zum Nachdenken uber die Zukunft des klassischen Langlaufs einladen.

Für Breitensportler hat die Diskussion rund um Double Poling eine etwas andere, aber ebenso wichtige Bedeutung. Im Gegensatz zum Elitebereich steht hier weniger der maximale Leistungsvorteil im Vordergrund, sondern die langfristige Belastungsverträglichkeit, Technikvielfalt und Verletzungsprävention. Reines Double Poling erfordert eine gut entwickelte Kraftausdauer von Schultern, Armen und Rumpf sowie eine saubere Technik. Ohne diese Voraussetzungen kann es insbesondere bei Hobbyläufern zu Überlastungsbeschwerden im Schultergürtel, Ellbogen oder unteren Rücken kommen.

 

Literaturverzeichnis: 

  • Stöggl T, Ohtonen O, Takeda M, Miyamoto N, Snyder C, Lemmettylä T, Linnamo V, Lindinger SJ. Comparison of Exclusive Double Poling to Classic Techniques of Cross-country Skiing. Med Sci Sports Exerc. 2019 Apr;51(4):760-772. doi: 10.1249/MSS.0000000000001840. PMID: 30418963; PMCID: PMC6430595.

 

Sportsparadise Switzerland AG
Tarek Chebaro
Medizinstudent Universität Bern

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