Jede kranke Sportlerin und jeder Sportler steht früher oder später vor diesem Dilemma: Soll ich trainieren oder lieber pausieren? Eine Erkältung, Fieber oder Halsschmerzen können genau in den Phasen auftreten, in denen die Form am besten ist – und der Gedanke, das Training zu unterbrechen, ruft oft ein schlechtes Gewissen hervor. Doch die Wahrheit ist: Wenn der Körper gegen eine Infektion kämpft, gelten andere Regeln.
Training bedeutet, den Körper aufzufordern, Energie zu verbrauchen, sich anzupassen und Gewebe zu reparieren. Kranksein bedeutet, genau diese Ressourcen zur Verteidigung einzusetzen. Das Immunsystem und die Muskulatur konkurrieren dabei um die gleichen „Brennstoffe“: Glukose, Proteine und Mikronährstoffe. Die Wissenschaft zeigt eindeutig, dass man in diesem stillen Duell den Abwehrkräften den Vorrang geben sollte.
Während einer Erkrankung schüttet der Körper proinflammatorische Zytokine aus – Moleküle, die Fieber auslösen, den Stoffwechsel verändern und die Proteinsynthese in der Muskulatur hemmen. Selbst ein Training, das normalerweise leicht erscheint, kann dadurch deutlich belastender sein als erwartet. Studien zur Trainingsphysiologie (Walsh et al., 2011) zeigen, dass sowohl die aerobe Leistungsfähigkeit als auch die Muskelkraft bereits in den frühen Phasen einer Infektion spürbar abnehmen können.
Wenn der Körper mit einem Virus in Kontakt kommt, setzt das Immunsystem eine koordinierte, energieintensive Reaktion in Gang. Abwehrzellen wie Lymphozyten und Makrophagen werden aktiviert und schütten chemische Botenstoffe aus, die weitere Immunzellen in das betroffene Gewebe locken. Dieser Prozess erhöht den Stoffwechsel, steigert die Körpertemperatur und lenkt die Energiezufuhr auf die Produktion von Antikörpern und antiviralen Substanzen. Der Organismus „priorisiert“ neu: Er drosselt die Muskelproteinsynthese, verändert den Kohlenhydratstoffwechsel und nutzt vermehrt Aminosäuren, um die Immunantwort aufrechtzuerhalten. Eine Überlebensstrategie – aber keine günstige Ausgangslage für sportliche Leistung.
Ein häufig zitierter Grundsatz in der Sportmedizin ist die „Neck Rule“ – die Halsregel: Wenn die Symptome nur „oberhalb des Halses“ liegen – etwa verstopfte Nase, leichte Halsschmerzen oder etwas Müdigkeit – kann man gegebenenfalls eine sehr leichte Einheit absolvieren, wie einen lockeren Lauf oder eine entspannte Radausfahrt. Wenn die Symptome jedoch „unterhalb des Halses“ auftreten – also Fieber, Muskelschmerzen, tiefer Husten oder ausgeprägte Erschöpfung – ist die Antwort klar: Pause machen.
Training mit Fieber ist besonders riskant, da das Fieber selbst ein Zeichen dafür ist, dass der Körper auf Hochtouren arbeitet, um die Infektion zu bekämpfen. Die erhöhte Temperatur beschleunigt den Grundumsatz und die Herzfrequenz (pro +1 °C Körpertemperatur etwa +8–12 bpm), was das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belastet. In dieser Situation zu trainieren bedeutet, den ohnehin gestressten Körper weiter zu überfordern – mit Risiken wie Dehydrierung, Energieungleichgewicht und Verschlimmerung der Symptome. Das Ergebnis: eine verlängerte Genesungszeit und eine abgeschwächte Immunantwort.
Und in den Tagen der Pause? Das Ziel ist nicht „nichts tun“, sondern die Regeneration zu fördern. Da der Grundumsatz bei Fieber ansteigt, sollte die Kalorienzufuhr nicht zu stark reduziert werden. Proteine bleiben essenziell – etwa 1,2–1,5 g pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag –, um die Immunantwort zu unterstützen und den Muskelabbau zu begrenzen. Auch Mikronährstoffe wie Vitamin D, Vitamin C und Zink spielen eine entscheidende Rolle für ein funktionierendes Immunsystem, wie mehrere aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen.
Der Wiedereinstieg sollte schrittweise erfolgen: Zuerst einige Tage mit leichter Bewegung, dann einfache aerobe Einheiten und schließlich die Rückkehr zu den gewohnten Trainingsbelastungen. Wer die Erholung erzwingt, verlängert sie nur.
Sich beim Kranksein zum Training zu zwingen, ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Unachtsamkeit gegenüber der eigenen Physiologie. Eine Pause einzulegen dagegen ist ein Akt sportlicher Intelligenz. Disziplin bedeutet nicht, niemals ein Training auszulassen, sondern zu wissen, wann man auf den eigenen Körper hört – und ihm gibt, was er wirklich braucht: Zeit, um zu heilen, und dann stärker zurückzukehren.
Einige wissenschaftliche Artikel zu diesem Thema:
- Spence, L., Brown, W. J., Pyne, D. B., Nissen, M. D., Sloots, T. P., McCormack, J. G., Locke, A. S., & Fricker, P. A. (2007). Incidence, etiology, and symptomatology of upper respiratory illness in elite athletes. Clinical Journal of Sport Medicine, 17(6), 451–457. https://doi.org/10.1097/JSM.0b013e31815aedcd
- Walsh, N. P., Gleeson, M., Shephard, R. J., Woods, J. A., Bishop, N., Fleshner, M., Green, C., Pedersen, B. K., Hoffman-Goetz, L., Rogers, C. J., Northoff, H., Abbasi, A., & Simon, P. (2011). Position statement part one: Immune function and exercise. Journal of Sports Sciences, 29(S1), S11–S25. https://doi.org/10.1080/02640414.2010.537875
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Tarek Chebaro
Medizinstudent Universität Bern